Ein – prägende (s) Erlebnis (se)

 Die Route: Mai 2015

In den Süden muss ich durch La Paz UND El Alto – das wird painfull. Vom Ein- / Ausstieg der Yungas Road geht es hoch über einen Pass nach La Paz. Kurz vor dem Pass: Ein riesiger Festzug, hunderte, wenn nicht sogar tausende verkleidete Akteure ziehen als zusammengehörige Teams tanzend über die Straße, alles abgesperrt, Zuseher überall, Autobusse, Grillstände, … kein Weiterkommen. Ich sehe einige Zeit zu, es sind unglaubliche viele Gruppen die nacheinander vorbeiziehen, alle  mit denselben Tanzschritten und Musikbegleitung.

Ich möchte nicht noch einmal in La Paz nächtigen und versuche über seitliche Wiesen vorbeizukommen, es gelingt mir nach einiger Zeit tatsächlich einen Weg vorbei zu finden. Der Umzug war voll beeindruckend, die vielen verkleideten Menschen und der Enthusiasmus der Teilnehmer war unbeschreiblich – und: Obwohl es saukalt war! Ich habe trotz Motorradkleidung gefroren wie ein Schneider. Weiter nach La Paz, die Stadt ist ein Alptraum, kaum ein Weiterkommen, die Autofahrer weiterhin auf Tuchfühlung, ein sehr unangenehmes Gefühl. Das Navi findet den Weg hinauf nach El Alto, auf halber Höhe – 3.995 Meter kein GPS Signal, kein Navi, Sch…e! Da hilft nur der Orientierungssinn, weiter hinauf, dann die richtigen Straßen hinaus aus El Alto in den Süden finden. Überall auf den Straßen ist Markt, der Verkehr geht mitten durch die „Verkaufsstände“. Wegweiser? Nada, da ist es schon egal, ob man in Fernost oder bei Rußland unterwegs ist – das eine kannst nicht lesen, hier ist es nicht da. Einfach weiter Richtung Süden – übrigens: Hier ist die Sonne zu Mittag im Norden, meine Orientierung funktioniert noch immer nicht, da ich Osten, Westen ständig verwechsle und nur der Gedanke: „Die Sonne ist zu Mittag im Norden“ hilft nur sehr eingeschränkt. Finde den Weg hinaus, einige „Wege“ dorthin muten mir sehr eigenartig an, die Menschen werden weniger. Ich finde ein Tankstelle – volltanken und bereit machen für den dritten Teil der Tagesreise. Übrigens: Habe den Weg im Nachhinein mit Google nachvollzogen, war gar nicht so schlecht unterwegs und die eigenartigen Wege sind tatsächlich so. Die Straße endet in einer dorfähnlichen Ansammlung von Häusern und man fährt über Holzbretter, Erddämme, um weiter zu kommen.


Aus Richtung Oruro bin ich schon hereingekommen und die Straße ist in gutem Zustand, nach rund 70 Kilometer geht auch das Navi wieder – habe ich dann zu Hause nach recherchiert: Samsung Handies empfangen über 4.000 Höhenmeter kein GPS Signal mehr! Habe ich später auch im Flieger ausprobiert, ist auch beim Samsung Tablet so. Ich glaube eher, das ist ein Programmfehler, das iPhone geht im Flieger über 11.000 Meter problemlos, ganz normal GPS Empfang. Die Konsequenz: Werde auf iPhone umsteigen (übrigens, das klappte später bestens!).
Die vielen Staus haben mich ziemlich aufgehalten, es ist schon spät und wird dunkel. Ich komme ziemlich spät, ausfroren, hundemüde in Oruro an. Auf dem Weg ins Zentrum: Frage einen jungen Mann an der Straße nach einem Hotel, der ist äußerst unwillig und unfreundlich … ok. Suche weiter, finde ein Hotel, absteigen, Helm ab, Haube ab, Handschuhe ausziehen, zur Rezeption: „Un habitacion por la noce porfavore“. Der Mann hinter der Rezeption schaut dazu nur unverständlich und stellt viele Fragen auf Spanisch. Ich: „Ne hablo espanol, habitacion por la noce, solo“. Ein Schwall zurück, grinsen … Ich bin heute wirklich nicht mehr gut gelaunt, die deutschen Wort möchte ich nicht hier festhalten, es waren nicht freundliche, ich gehe. Haube, Helm, Handschuhe, weiter zum Plaza (das Navi geht hier ja…). Am Plaza ein Hotelturm, ich zur Rezeptionisten, siehe da, sie haben ein Zimmer, ziemlich teuer – 100.-Euro. Ich denke noch: das sieht irgendwie komisch aus, junges Mädchen, spricht ein wenig englisch … sitzt da mit dicker Jacke, und Haube. In der Hotelhalle ist es eiskalt! Estaciamiento: Um die Ecke. Gepäck, Helm, … ins Hotel. Internet – ok , Passwort: ok. Auf ins Zimmer, Lift geht! Dusche, auch im Zimmer empfindlich frisch, das geht auf die Laune. Internet: WLAN kommt, aber keine Verbindung. Ich runter zur Rezeption. Die Dame bemüht sich sehr und gibt mir eine Telefonnummer für das Service??? Wie jetzt? Kann niemand kommen? Ist nicht im Haus, ok. Sie ruft an, ich rede mit dem Techniker. Der beschreibt mir was zu tun ist, ich frage ob er nicht in die Rezeption kommen könne – kann er nicht, er sitzt in Santa Cruz, das ist etliche hundert km entfernt. Er schaltet sich in das Hotel WLAN ein, findet meinen Computer und fixt die Verbindung – das in einem „Dritte Welt Land“!
Fotos hochladen, die Verbindung ist recht gut, das überrascht mich jetzt doch. Gute Nacht, dick angezogen. Frühstück – bolivianisch. Packen, Motorrad vors Hotel, Gepäck verstauen – ein Mann kommt her und spricht mich in gutem Englisch an, das Motorrad hat in neugierig gemacht, er fährt selber Motorrad und wir unterhalten uns übers biken. In der Zwischenzeit höre ich die unverkennbaren Klänge eines ¨Spielmannszuges¨ und: Hunderte junge Mädchen und Burschen ziehen festlich gekleidet in einem langen Spielmannszug vorbei, Massen von Zuschauern sammeln sich. Es wird skandiert: Freier Zugang für Chile zum Meer!!! Ich informiere mich: Bolivien hat vor hundert Jahren eine Krieg gegen Chile verloren und damit den Zugang zum Pazifik, das ist bis heute eine Streitpunkt zwischen den Ländern. Heute gibt es eine Verhandlung am internationalen Gerichtshof in Den Haag bei dem das Thema von Bolivien eingebracht wurde, landesweite Umzüge unterstützen das Vorhaben im Sinne von Bolivien. Mich hatten schon die Wochen zuvor die vielen Kasernen in Grenznähe, sowohl auf chilenischer als auch auf bolivianischer Seite verwirrt – hier herrscht noch Kriegsstimmung. Ich lese auch, dass es in Bolivien erst seit Mitte der achtziger Jahre einen Waffenstillstand mit den Anrainerstaaten gibt – vielleicht sind es auch Friedensverträge? Erklärt einiges.
Gegen die Einbahn zur Ausfahrtstrasse – sonst dauert es ewig – Richtung Uyuni. Vorbei am Lago de Poppo – einem vormals riesigen Binnensee südlich von Oruro, durch übermäßige Wasserentnahme nahezu ausgetrocknet – einer der großen Umweltkatastrophen mit unvorhersehbaren Folgen hier in Südamerika. Beim Vorbeifahren zeigt das Navi das Wasser, ich sehe nur Wüste. Abzweig nach Uyuni. Wieder eine Kontrollstelle in Huari, davon gibt es unzählige hier in Südamerika, ich frage ob die Straße nach Uyuni asphaltiert ist: Under construction! Letztendlich fahre ich hunderte Kilometer neben der fast fertig gestellten Straße auf schlechten Nebenstrecken bis Uyuni – das geht schon etwas auf die Psyche. Durch Dörfer, Wasserfurten, langen Wasserfurten, langen Wasserfurten mit tiefem Sand … 20 Kilometer vor Uyuni der Abzweig bei Colchane Richtung Salzsee, ich bin schon so gespannt, dass ich unbedingt zum Salzsee möchte. Der „Weg“ durch das Dorf ist ein Hindernislauf, was die Wegführung, als auch die Hundepopulation angeht, beides lässt sich nicht gut vereinbaren. Hunde fallen über mich her, ich kann nicht richtig weiter, da der Weg einer Offroad-Strecke gleicht. Weiter Richtung Salzsee, ein Feld mit Salzbergen, in Richtung der Salzhotels, davon gibt es hier mehrere. Ich bin bereits jetzt vom Salar de Uyuni voll beeindruckt und hin und her gerissen. Ein Hotel ist sehr schön gestaltet, leider gibt es kein Zimmer mehr. Auf nach Uyuni, ich finde ein Hostal, einfach, ungeheizt, warmes Wasser – was will man mehr. Parken: Durch die Haustür in den Hof – passt so! Dusche und Abendessen, mit dicker Jacke, mehrere Schichten Gewand um die Ecke ins Zentrum, es gibt einige Restaurants – ungeheizt! Setze mich an einem Tisch und bestelle … Steak, what else! Ein junger Bursch kommt ins Lokal, wir kommen ins Gespräch, er setzt sich zu mir an den Tisch und wir essen gemeinsam. Er ist Schweizer und mit dem Rucksack mehrere Monate durch Südamerika unterwegs. Er kam mit dem Nachtbus von La Paz nach Uyuni, ist sehr bequem. Von den Straßenverhältnissen merkt er nichts. Südamerika gefällt ihm sehr gut, als Manko hat er die eingeschränkte Mobilität, er kann sich in erster Linie in den Ballungszentren aufhalten und kommt nur sehr bedingt in unberührtes Gebiet. Zumindest hier möchte er eine drei oder vier Tagestour mit Jeeps in den Salzsee und die Umgebung buchen. Angeregt durch das Motorrad wird er versuchen ein Bike zu mieten und auf eigene Faust fahren. Auch er ist mit dicker Daunenjacke gekommen und so sitzen wir voll gekleidet beim Abendessen, das mit dem Motorrad hat nicht funktioniert, als ich ihn am nächsten Tag treffe hat er bereits erfahren, dass dies nur in Gruppen und geführt möglich ist … Er hat eine 4WD Tour für vier Tage gebucht – es gibt eigentlich auch nur dieses Angebot. Zur Cajero automatico an der Ecke – der Automat gibt tatsächlich Geld aus! Das hatte ich nicht gleich erwartet. Salar Uyuni: Vorbei an der Hundemeute … Jetzt hat mich der Salar de Uyuni voll im Bann, er ist einfach unendlich groß, weiß, eben, … ganz allein. Wenn ein Fahrzeug in der Ferne zu sehen ist wirkt es wie Spielzeug am Horizont, Stille, blauer Himmel. Fotos.
Mit Gabriel habe ich vereinbart, wenn es mir besonders gut geht werde ich mir sein „Abschiedsgeschenk“ eine Cohiba Behike 56 gönnen – das mache ich jetzt! Zeit, viel Zeit.
Es soll eine Insel mit Kakteen am Salzsee geben – Isla Incahuasi – ich fahre einfach los, Insel sehe ich keine, nur eine weiße Fläche. Ein unglaubliches Gefühl. Eine halbe Stunde, eine Stunde, mit 80, 100, 200 Stundenkilometer über den Salzsee, ein Freihandfoto – 6 Gang, 7.000 Umdrehungen, 190 kmh – den Fotoapparat aus der Tasche und Foto, Freihand mit 200 über den See! In der Ferne sehe ich eine Erhebung im See, ich steuere darauf zu, Straßen, Routen, habe ich zwar gesehen, ich fahre einfach querfeldein, Richtung Erhebung. Als ich mich nähere sehe ich Fahrzeuge, Zelte, … es sind Filmaufnahmen. Die Akteure sind aus verschiedenen Ländern, braten Wurst, Steaks,… der Touristenbereich ist etwas weiter vorne klären sie mich auf. Einige Fotos und weiter,  zum Touristenbereich, da ist ziemlich viel los und ich fahre weiter. Am Horizont die Berge. Am Navi finde ich die Straßen, die an den Rändern in den See führen. Dazu sind Dämme gebaut, die ca. ein Kilometer vom Festland in den See führen. Koordinaten ins Navi, und so einfach über 150 Kilometer an den Punkt steuern, für mich ein weiterer unglaublicher Eindruck von Größe und neue Art der Navigation. Punktgenau zu den unterschiedlichen Ausfahrten! Fotos…
Erst viel später werde ich näheres über den Salzsee erfahren, Erich, ein guter Freund und Arbeitskollege, erzählt mir, er hat eine vier Tages Tour in Uyuni gebucht. Am ersten Tag wollte der Fahrer ein Abkürzung nehmen und ist nicht über diese Ausfahrten, sondern weit abseits an den Rand des Sees, dabei ist das Fahrzeug durch das Salz durchgebrochen, der Fahrer und der Begleiter konnten das Fahrzeug bis zum Abend nicht befreien. Der Begleiter hat sich am späten Nachmittag auf dem Weg in Richtung Isla Incahuasi gemacht – dauert mehrere Stunden und Telefonverbindung gibt es nicht. Sie wurden dann in der Nacht abgeholt und zur Insel gebracht, wo sie beim Portierhaus geschlafen haben, keine Dusche, keine Licht, kein weißes Bettlaken, keine Heizung. Wenn man weiß, dass es in der Nacht so um die -10 Grad hat … Am nächsten Tag sind sie mit einem anderen Fahrzeug weiter gefahren. Merke: Das Salz am Salzsee ist nur eine Schicht, wie Eis und je nach Beschaffenheit 30 bis 50 Zentimeter dick, darunter ist der Salzsee flüssig, ein Fahrzeug versinkt nach mehreren Stunden vollends im See! Am Rand ist die Decke entsprechend dünner und daher die Dämme, die in den See führen.
Zurück nach Uyuni, zum Hotel Palace. Für mich einer der beeindruckendsten Tage auf meiner Reise, sicher auch ein prägender in meinem Leben.
Am Abend ins Restaurant gegenüber und: Überraschung, es ist geheizt! Da kommt Freude auf. Weitere Planung der nächsten Tage: Die Touren von Uyuni gehen zur Laguna Colorada, Arbol de Piedra, Lagune Verde, … ich habe bereits viele Reiseberichte darüber gelesen, alle waren es als unglaublich beeindruckend beschrieben. Die Reise ist nicht so einfach, rund 1.000 Kilometer, keine Tankstelle, Unterkünfte fraglich. Benzinkanister, Essen, Wasser. Essen und Wasser ist schnell erledigt. Benzinkanister: Eher weniger. Zum Tanken zur Tankstelle, ich frage nach einem Kanister, um die Ecke steht ein gebrauchter, kurz daran gerochen – Benzin! Ok. Ich kaufe den Kanister um 20.- Euro. Was ich bisher nicht wusste, in Bolivien wird für Ausländer ein höherer Preis für Benzin verlangt als für Einheimische, das Prozedere ist ziemlich aufwändig – über Computer. Ausländer zahlen circa 1,20 Euro pro Liter, Einheimische 36 Cent. Das System wird über Kameras, und oft über Polizisten, überwacht. So auch hier. Der Polizist fragt mich nach meinen Dokumenten – die sind im Hotel, kein Dokument! Wir diskutieren, er erklärt, dass alle Personen einen Ausweis und die Fahrzeugpapiere mit sich führen müssen und dass das Nichteinhalten strafbar ist – kostet mich weitere 20.- Euro. Strafzettel erhalte ich keinen, das geht in die eigene Tasche. Trotzdem bin ich ziemlich froh, werde später erfahren, dass Benzinkanister äußerst rar sind und nur sehr bedingt zu kaufen sind, und dann nur in Großstädten.
Die Nacht verbringe ich, wie schon die vorangegangenen Nächte, im Schlafsack, da ist es relativ warm – und sauber.

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