Motorrad trifft Pippi Langstrumpf

Die Route: Oktober 2016

Vom Paso San Francisco nach Copiapo. Halt bei der ersten Tankstelle, Visa Karte kein Problem. Nächster Halt: Bankomat, auch hier gibt es Geld ohne Probleme. Chiles Standard ist mit Europa oder USA vergleichbar. Nettes Hotel Oasis Atacama, in der Nähe des Zentrums, Spaziergang durch das Zentrum , einkaufen. Abendessen in einem sehr nett eingerichteten Restaurant, viele Tische sind besetzt. Es läuft sehr professionell ab, das Essen kommt schnell, zahlen und schon kommen die Nächsten – erinnert mich an USA
Auch die Preise: 45.-€ für Steak und Mineralwasser.

Ich bleibe zwei Tage, möchte in der Umgebung bis an den Pazifik: „Schöner Strand“ in Bahia Iglesia laut Internet. Über die Autobahn 80 Kilometer bis Caldera, der Strand ist eher mickrig, es ist bitterkalt, die wenigen Gäste sind dick angezogen. Cafeterias sind geschlossen, begeistert mich nicht wirklich. Ich kann keine gesicherten Auskünfte über den nächstgelegenen Andenpass, Paso Pircas Negras bekommen, so mache ich mich auf den Weg über Vallenar nach Punta de Choros. Autobahn bis Punta Colorada, und es gibt keine wirkliche Alternative. In Punta de Choros gibt es mehrere Inseln die ein Naturschutzgebiet bilden – Reserva Nacional Pingüino de Humboldt. Durch den kalten Humboldtstrom leben hier, so nah am Äquator wie nirgends Pinguine, Seelöwen, … Es ist ein ziemlicher Sturm, durch den aufgewirbelten Sand ist fast keine Sicht. Halt bei einem Lokal: Wo finde ich ein Hotel oder Cabanas? Gleich gegenüber! Hundegebell, dann kommt die Hausfrau. Ich bin der einzige Gast und miete ein ganzes Ferienhaus mit Küche, Bad, zwei Schlafzimmer, Wohnraum – sehr schöne Lage und Ausstattung. Der Hausherr gibt mir den Tipp für die Ausflüge in den Nationalpark am nächsten Tag. Zum Abendessen gehe ich in das Lokal, in dem ich den Tipp bekommen habe. Fisch vom Feinsten. Locos = Riesenmuscheln, gefüllt mit Mayonnaise und Salat als Vorspeise, gebratenen Fisch direkt aus dem Meer – einmaliger Genuss! Sehr günstig. Am Bootssteg wird gefischt: Nylonschnur um die Hand gewickelt, Haken, ein altes Plastikteil als Schwimmer, Köder: Fischteile. Die Fischer werfen die Leine aus, ziehen die Schnur herein und … Ein Fisch hängt dran. Ich schaue ihnen längere Zeit zu, es sind etliche Fischer am Werk, fast immer ist das Einziehen der Schnur ein Fangerfolg.
Der Ausflug mit dem Boot in den Nationalpark: Delphinfamilien neben dem Boot, Pinguine an der Steilküste, Seelöwen, Seeottern, Kormorane – ein besonderes Highlight. Bleibe noch einen zweiten Tag und mache mit den Hausherren einen Ausflug an den Strand.
Relaxen, Reiseberichte schreiben, …

Weiter nach La Serena, ich suche ein Hotel an der Strandpromenade, ein Autofahrer spricht mich während der Fahrt aus dem offenen Fenster an: Aljamiento? Si! Er hat ein Apartment an der Strandpromenade. Ich folge ihm bis zu einem der vielen Wohnblocks entlang der Promenade, sehr nettes Apartment, schöner Meerblick, kostet 25.-€. Die Strandpromenade ist etliche Kilometer lang und zieht sich in einem großen Bogen bis zum Zentrum. Abendessen am Strand –  gut, aber nicht wirklich günstig. Bei BMW in La Serena: Gute Beratung, viele Modelle in der Auslage, sowohl Autos als auch Motorräder – leider gibt es auch hier keine geeigneten Reifen für mein Bike, auch über den Paso Pircas Negras bekomme ich keine gesicherten Auskünfte. Über Vicuna geht die Straße zum Pass, kurz davor biege ich nach Pisquo Elqui ein. Ein sehr schön gelegenes Tal, mitten in den hohen Anden, begünstigt durch die besondere Wetterlage. Weinhänge soweit das Auge reicht, die Weinhänge wurden mit künstlicher Bewässerung bis hoch in die Berge gebaut – wirkt irgendwie fremdartig. Bei der Milicia, Polizeistation, die Auskunft, dass der Paso Pircas Negras noch geschlossen ist und erst voraussichtlich ab Mitte November geöffnet wird. Zurück nach Vicuna und über die Ruta Estrella nach Ovalle. Die Strecke ist unwegsamer Schotter, aber sehr schöne Berglandschaften. Nächtigung in Ovalle, riesige Stadt inmitten der Berge. Das Zimmer liegt direkt über einer Bar – ich bin mit voller Lautstärke live dabei, kurzer Schlaf.

Durch die Berge über Illapel, Los Villos nach Santiago. Vorbei am Costanera Center, dem Grande Torre, zu MotoAventure. Dort treffe ich Thomas Soukup, ein Deutscher, der für MotoAventura Touren durch Südamerika, aber auch Europa macht. Reifenauswahl der besonderen Art, jede Auswahl, ich entscheide mich für den Heidenau K60, das Windschild bekommt noch einen Stabilisator. Nettes Hotel, Abendessen beim Italiener. Kurze Fahrt nach Valparaiso über die Autobahn, Tagesziel ist die Villa Kunterbunt, DER Treffpunkt für Weltreisende. Die Stadt liegt auf unzähligen Hügeln und ist bekannt für die Schräg-Aufzüge, die auf die einzelnen Berge der Stadt führen. Die Villa Kunterbunt liegt auf einem dieser Berge, bezeichnenderweise in der Vista Hermosa – dem „schönen Ausblick“. Enzo kommt eben aus dem Eingangstor, kurzer Handgruß, er öffnet das Tor und ich fahre in den Hof. Kaffee zur Begrüßung, Martina kommt dazu. Geschichten über Leben und die Aktivitäten, meine Reise, Motorradtransport nach Australien – ein einmaliges Erlebnis, ich freue mich die Bekanntschaft der beiden gemacht zu haben und wie sie ihr Leben und das Haus gestaltet haben. Ein Foto beim Stiegenaufgang von Martinas Mutter mit Paul Bocuse in Lyon. Spaziergang durch die Stadt, Martina warnt vor einigen Ecken und Plätzen: „Da sind nicht einmal Chilenen sicher! Touristen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeraubt.“ Die Stadt selber ist wirklich sehenswert, im Bereich der schönen Plätze ist auch keine Kriminalität sichtbar. Bunte Wandmalereien sind allgegenwärtig. Cafe über der Stadt, lohnender Ausblick: der Hafen, das Meer, die Häuser. Zurück in der Villa Kunterbunt kommt eben ein neuer Gast mit Motorrad an – Bernd Feurich. Er hat schon viele Reisen hinter sich, nach Südamerika ist er im Frühjahr gekommen, hat sich in Santiago eine 250er gekauft, ist durch Südamerika getourt und möchte jetzt das Bike wieder verkaufen, im Dezember zurück nach Deutschland.
Mehr in seiner Website: http://www.berndfeurich.com/
Am nächsten Tag zum Haus von Pablo Neruda in Valparaiso, eine nette Abwechslung zu der bisherigen Tour. Einkaufen, Cafe, am Plaza Anibal Pinto möchte mich schon an einen Tisch mitten am Platz setzen, irgendetwas hält mich davon ab. Eine Frau, den Kopf mit weißen Binden vollständig verbunden, langer Mantel, setzt sich zum Tisch in der Mitte des Platzes. Nach einigen Minuten steht sie auf, zieht sie sich vollkommen nackt aus und setzt sich wieder. Zehn Minuten keine Aktion, dann kommt ein Mann im dunklen Anzug dazu, stumm läuft eine Performance ab. Nach einer halben Stunde ist das Schauspiel zu Ende …
Nachmittag in der Villa Kunterbunt Diskussion, Gespräch, Erfahrungsaustausch mit Bernd, Enzo, Martina.

Verabschiedung am nächsten Morgen, werde wieder hierher kommen, spätestens bei der Verschiffung meines Motorrades nach Australien … in zwei Jahren. In Isla Negra besichtige ich ein weiteres Haus von Pablo Neruda, auch sein Sterbeort. Nächtigung im Hotel Doria, Rancagua. Mein nächstes Ziel ist der südliche Teil von Chile bis Concepcion, dort finde ich ein nettes Apartment. Die Landschaft und Straßen sind leider nicht besonders ansprechend. Von Concepcion entlang des Rio Bio Bio in Richtung Argentinien, die Anden sind hier wesentlich niedriger als im Norden, viel Grün und Bäume – mit den Alpen sehr stark vergleichbar. In den Anden sind etliche Nationalparks aneinander gereiht und die Landschaft wird ungleich gefälliger, das Wetter wird aber auch ungleich schlechter: Grün = Regen, und davon gibt es hier genug. Der Andenpass Pino Hachado ist im Vergleich zu den Andenpässen im Norden ein kleiner Hügel, weniger als 1.890 Meter Seehöhe, es regnet, die Temperatur ist um null Grad. Die Grenzformalitäten sind auf beiden Seiten rasch und unbürokratisch erledigt. Die Straße nach Villa Pehuenia zweigt kurz nach der Grenzstation rechts weg, es ist eine unbefestigte Straße, durch den andauernden Regen ist die Fahrbahn ziemlich „tief“ und unangenehm zu fahren. Das Hotel Penisula liegt direkt am Lago Alumine, die Besitzerfamilie ist unglaublich gastfreundlich. Der Besitzer erzählt mir beim Frühstück über die Gegend, Vulkan, Schigebiet, … und vor allem über meine nächste Streckenplanung. Durch den lang anhaltenden Regen sind viel Strecken um Neuquen unpassierbar und gesperrt, wir finden gemeinsam eine Möglichkeit über Chos Malal. Ganz überraschend gibt der Bankomat für die Visa Karte Geld aus!!! In Argentinien, in einem Bergdorf! – bin positiv  überrascht. Die Kulisse um den See Alumine ist unglaublich fotogen – Postkartenidylle.

Die Ruta 40 zieht sich der Länge nach, von Süd nach Nord, durch Argentinien, ich bin hier in der Höhe 2.500 Kilometer vom südlichen Startpunkt. Asphaltierte Streckenabschnitte, teilweise wie Autobahnen ausgebaut wechseln mit vollkommen abgelegenen Passagen. Hier ist Pampas soweit das Auge reicht, die Straße verläuft in sanften Hügeln schnurgerade, am Ende geht es wieder schnurgerade weiter. In größeren Abständen, etwa 100 Kilometer quert ein Canon, die Strecke geht gewagt die steilen Wände nach unten und auf der anderen Seite wieder hoch. Einige Passagen verlangen mir alles ab – steinig, schlammiger ausgefahrener Weg, steil. Dann wieder flache Pampas. Wilde Pferde an der Strecke, gegen Norden hin werden die Anden rasch höher. Nach Malargüe biege ich nach links in die Berge Richtung Las Lenas, das bekannteste Schigebiet in Argentinien, in Los Molles steige ich im Thermenhotel Lahuen-Co ab, das Hotel eines berühmten argentinischen Rallyefahrers aus den 50er Jahren, der jetzige Besitzer ist sein Enkel. Das „Thermenhotel“ wartet mit etwas „anderen“ Thermalbädern auf – kleine gemauerte Abteile, das Wasser ist grau, auf der Oberfläche schwimmt eine dicke weiße schmierige Schicht – Überwindung ist notwendig … Gemeinsam  mit zwei Motorradfahrern aus Mar del Plata, das „Bay Watch“ -Team, im Thermalbad und beim Abendessen.

Der Ausflug nach Las Lenas ist ernüchternd – eine reiner Schiort – jetzt im Frühling eine Geisterstadt. Weiter nach Norden auf der Ruta 40 Richtung Mendoza, Nächtigung in „Las Vegas“, wunderschönes Cabana. Von Mendoza Capital raten mir alle ab – zu gefährlich!

Zeit für eine Tourenzusammenfassung:

Ich wollte in den Süden von Chile und Argentinien – Die Entfernungen sind gewaltig.
– Die Anden sind ungewohnt niedrig.
– Es ist sehr grün.
– Es regnet viel.
– Es ist sehr, sehr windig, um nicht zu sagen stürmisch.

Es im südlichsten Teil sind die beeindruckendsten Landschaften dieser Welt
– Kalbende Gletscher von unermesslicher Größe
– Tierparadiese in Patagonien
– Seenlandschaften, die ihresgleichen suchen
– Vereiste, weiße, rauchende Vulkane
– Wälder
– Die Carretera Astral
– …
Ich möchte jedenfalls in den Süden: Fitz Roy, Perito Moreno Gletscher in Argentinien, Ushuaia, … aber es wird nicht mit dem Motorrad sein, ich plane einfach hinzufliegen und mit einem Mietwagen herum zu fahren.
Die Entfernungen sind einfach riesig, das Wetter ist sehr stabil – stürmisch, regnerisch, die Berge und Landschaften sind in vielen Teilen den Alpen zu ähnlich.

Ich hatte vor einem Jahr einen Israeli getroffen, der vom Süden schwärmte – ich erzählte ihm von meiner Faszination der Wüste. Seine Folgerung: Die Wüste hat er auch zu Hause, die Seen, den Schnee, das Eis nicht … dem ist nichts hinzu zu fügen.

Kommentare (2)

  1. Gerald Jeitler

    Wer hat nicht schon davon geträumt, mit einem Motorrad auf verschlissenen Reifen, von Hunden gejagt, in über 4000 Metern Seehöhe nach Luft ringend den High Score im Motorradkofferab – und anbau aufzustellen? Wind und Wetter zu trotzen und vom Navi verlassen, einsam in ihm unbekannten Terrain den Weg zu suchen?

    Also ich bestimmt nicht.

    Warum macht man das? Ein Blick in Toni’s Augen verrät mir, dass ich das auch nicht verstehen muss. Der macht das nämlich nur für sich. Der ist gewissermassen „ab Werk“ mit einem mir unbegreiflichen Abenteuergen ausgestattet.

    Was wünscht man so jemanden? Eine gute, problemlose Reise? Das wäre eine glatte Themenverfehlung. Das kann er auch in Wien-Umgebung haben. Also eine erträgliche Anzahl von Herausforderungen und das nötige Anerkennen der persönlichen Grenzen.

    Pass auf dich auf, hab Freude und Muskelkater

    • Anton Marschall

      Freue mich, dass sich unsere Wege immer wieder kreuzen. Die gute, problemlose Zeit genieße ich sehr gerne, und umso mehr, zwischen den Reisen – ganz besonders im „Simmeringer Landbier“ (;-)), mit alten Freunden.

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