Krokodile, Vögel, besondere Menschen

Die Route: September 2017

Landeskunde:

In jeder Ansiedlung mit mehr als drei Häusern gibt es einen „Reifenschuster“. Die Zustände der Reifen und der Straßen machen das mehr als notwendig. Das sind Werkstätten von der Steinzeit bis Hightech – 99% Steinzeit! Wenn die Werkstätte schon einen Druckmesser hat ist sie bestens ausgestattet.  Die böseste Erfahrung hatte ich in Bolivien, wo doch glatt einer den Reifen mit dem Krampen runter schlagen wollte – „Das machen sie bei Ladewägen immer so …“ – meine Alufelge ist mittlerweile ziemlich mitgenommen: Mehr eckig als rund, die Flanken vom oftmaligen Tauschen verbeult, etliche Speichen sind dadurch lose … aber der Schlauchlosreifen ist noch immer dicht! Das Wechseln der Reifen kostet zwischen 1,50 bis 4,- €.

Sprachkunde:

Obwohl bis auf Brasilien alle Länder spanisch sprechen, ist der „Reifenschuster“ in

Bolivien:

„Gomeria“         – leicht assoziierbar

Chile:

„Vulcanisacion“  – auch leicht erkennbar

Peru:

„Llantaria“        – wenn man weiß,  das Llanta der Reifen ist

Brasilien:

„Boraccharia“    – man spricht portugiesisch, eh klar! Ein Brasilianer hat mir glaubhaft versichert,  dass der Wortstamm von „betrunken“ kommt – Nothings to add …

In San Jose de Chiquitos: Gerhard hatte schon von den Jesuitenklöstern in Chiquitos erzählt, nun mein brasilianischer Freund vom Pater „Hubitsch aus Austriaco“ in San Jose, er schreibt auf einen Zettel „Hubert“ – alles klar! Nach dem Essen in die Kirche. Dort ist gerade eine Andacht, die von den Gläubigen selber gestaltet wird, zwei Priester sind unter den Betenden. Ich bleibe bis zum Schluss, in der Sakristei frage ich einen Pfarrer, ob der ältere in der Kirche Pater Hubert sei: Si! So treffe ich Pater Hubert, wir sitzen einige Stunden im Pfarrhof und er erzählt von 60 Jahren als Priester in Bolivien. Von einem Gebiet, welches er betreut, das größer ist als Österreich. Dass er anfangs mit Pferden jedes Jahr drei Monate in die Orte gereist ist, Taufen, Hochzeiten, … Straßen gibt es auch heute nur wenige. Später hat er in den Orten Flugplätze bauen lassen, 600 Meter lang, 25 Meter breit. Er ist dann selber mit seinem Flugzeug regelmäßig in die Orte geflogen. Als der Bischof gewechselt wurde, ein Deutscher statt eines Amerikaners, gab es grobe Meinungsunterschiedlichkeiten. Der Bischof wollte eine kircheneigene Farm in San Jose verkaufen, das war nach Meinung von Pater Hubert nicht möglich: Die Farm gehört der Kirche und damit dem Volk! Er hat das mehrere Jahre verhindert. Absetzen konnte der Bischof den Pfarrer nicht, er hat ihm aber verboten die Sakramente zu spenden. Das hat er schriftlich zur Kenntnis genommen und: Weiter gemacht wie bisher. Der Bischof hat die Landeshauptfrau und die Polizei eingeschaltet ihn aus San Jose abzuholen. Der Konvoi fuhr in die Stadt, der Bischof wartete etwas außerhalb. Die Dorfgemeinschaft stellte sich schützend vor die Kirche, die Landeshauptfrau redete mit den Leuten und informiert den Bischof, dass „es besser sei, wenn er nicht in die Stadt käme: Es könnte Prügel geben“! So  blieb alles beim Alten, 17 Jahre lang. Ein neuer Bischof hat 2012 alles rückgängig gemacht und seit damals ist alles wieder rechtens. Pater Hubert besucht regelmäßig seine Familie, Bruder, Neffen in Innsbruck, einige sind im Ausland, USA, Schweiz, … er weiß gut Bescheid über Österreich, aber auch über die Kirche insgesamt, kennt die Geschichte von Pfarrer Schüller, seine Probleme mit Kardinal Schönborn, die Probleme des Papstes – Franziskaner so wie er … sein Credo: Sich selber treu bleiben und Langmut haben. Ich war sehr beeindruckt von dem alten Herren, 86 Jahre und geistig voll fit.
Der junge Besitzer des Hotels in San Jose hat in Amerika studiert und bei einer Erdölfirma gearbeitet, er zeigt mir am Plaza eine Baustelle – sein zweites Hotel Fünfstern *****, sieht wirklich gut aus. Er möchte den Tourismus mit Partnern wesentlich stärker ausbauen. Ich erzähle ihm von meinem Plan entlang der bolivianischen brasilianischen Grenze nach Brasilien zu fahren, er schaut sehr sorgenvoll und rät mir glatt ab: Zu gefährlich! Das ist die Drogenroute und viele Kriminelle, die von Brasilien herüber kommen, die Grenze ist oft nur einige Meter entfernt – ich werde mit dem Motorrad nicht weit kommen … Gerhard hat mir ebenfalls seine Bedenken über den Weg geschildert, ich plane um. Direkt nach Corumba, da treffe ich auch die Familie von Gerhard. Das Beni ist flach, eine riesige Ebene so groß wie Deutschland, komme schnell an die Grenze. Dort treffe ich etliche Motorradfahrer auf ihrer Tour nach Bolivien, Fotos, Tipps, … Die Aduana geht relativ flott, habe die Verzollung des Bikes in einer halben Stunde erledigt, obwohl sie mich noch in den Kiosk gegenüber zum Fotokopieren der Dokumente schicken, weiß zwar nicht warum, weil ich eigentlich ausreise und keine Dokumente erhalte, auch sonst geht alles über den Computer??? Bei der Migracion eine lange Schange, zwei Stunden anstehen … Unterhalte mich zwischenzeitlich mit den LKW Fahrern. Migracion Brasilien: In fünf Minuten alles erledigt. Einfuhr des Motorrades in Brasilien: Der Zöllner spricht sehr gutes portugiesisch und das ganz viel – ich nicht. Letztendlich verstehe ich, dass ich die Dokumente selber am Computer ausfüllen, ausdrucken, Dokumente kopieren, … muss – Wo? Im Kiosk auf der bolivianischen Seite!!! Wieder zurück, die Kioskbesitzerin spricht einiges Deutsch, sie hat einige Zeit in Deutschland gearbeitet, aber: Eigentlich macht das ihre Schwester im Shop nebenan, die ist aber heute nicht da. Ich darf an Ihren Computer, sie beginnt in die Website einzusteigen, nicht ganz easy, wenn man noch dazu weiß, dass das Internet nicht wirklich gut funktioniert. Irgendwann meint sie ich soll selber weiter machen!? Die Seite ist natürlich portugiesisch und … spanisch, macht die Sache gleich viel einfacher. Es ist urheiss, denke 38 Grad, knapp vor 17:00 Uhr, der Zoll schließt um 17:00 Uhr! Ich schaffe es letztendlich doch, einige Ausdrucke, Kopien und zum Zoll auf die andere Seite. Pünktlich zum Dienstschluss bekomme ich meine Stempel und bin durch. Ich merke, dass man die Grenze auch ohne Formalitäten passieren kann, im Umkreis von 50 Kilometern darf man sich frei auf beiden Seiten bewegen. Corumba ist nur wenige Kilometer weiter, Hotel habe ich bereits gebucht, nicht besonders nett, aber für zwei Nächte ok. Das Haus von Gerhard finde ich sehr schnell, herzliche Aufnahme bei der ganzen Familie. Gerhard ist mit einer Bolivianerin verheiratet, hat fünf Kinder, aber eigentlich noch zwei weitere aus erster Ehe in Österreich und noch zwei = 9 Kinder! Sehr gutes Abendessen im Zentrum, riesige Steaks. Ich erzähle ihnen, dass ich mit einer Barca den Rio Paraguay hinauf nach Porto Jofre fahren möchte und ob sie mir helfen können das zu organisieren. Gerhard hat noch nichts davon gehört, aber er kennt den Jachthafenbesitzer, morgen fahren wir dort hin.

Der weiß Bescheid, im Frachthafen kann man solche Fahrten buchen. Es ist nur die Frage, wann die nächste Barca fährt. Im Frachthafen fragen wir uns durch und bekommen eine Telefonnummer, Anruf: Die nächste Barca fährt in drei Tagen mit zwei Pick-Ups nach Porto Jofre, da kann ich mit – geht doch! Von Corumba geht eine Straße in den südlichen Teil des Pantanal, ich nütze die Zeit und mache diese Tour nach Porto de Manga. Gerhard begleitet mich bis zur Einfahrt, schnell lässt man die Stadt hinter sich, ein Gürteltier läuft über die Straße, eine Holzbrücke nach der anderen. Nach einigen Kilometern Fotos von den Holzbrücken, wunderschöne Landschaft. Zwei, drei Meter neben den Brücken liegen Krokodile, ganz viele Krokodile, unterschiedlich groß, bis zu drei Meter, einfach so. Auf der Straße die Überreste eines Krokodils, überfahren von einem Auto, daneben die Reste eines Capybara … Bei Porto de Manga überquert man den Fluss mit einer Fähre. Es soll hier Arara Azul geben, die größten Papageien. Bei der Fazienda Arara Azul mache ich Halt, sie haben Zimmer und ich bleibe hier. Arara Azul gibt es tatsächlich viele, aber erst am Abend, die Fotos werden leider nicht ganz gut. Auf der Fahrt hierher musste ich durch einige tiefe Sandstrecken, komme mit Vollgas und Anschieben mit den Beinen gerade noch durch. An einer unauffälligen Stelle – ein Sandloch, es haut mich fürchterlich hin, mit der Unterlippe breche ich den rechten Spiegel ab! Sigrid erkennt das über WhatsApp sofort  (;-)). Ein LKW schafft die tiefen Sandpassagen nicht, die beiden Männer versuchen verzweifelt den LKW aus dem Sand zu bekommen. Ich hatte beim Vorbeifahren in einer Farm einen riesigen Massey Fergusson gesehen. Nehme einen der Beiden mit zur Farm, mit dem Traktor sollten sie es doch schaffen. Am nächsten Tag zurück nach Corumba, Telefon mit dem Mann von der Barca: Die Barca geht erst einen Tag später, auch ok. Finde ein nettes Hotel auf der bolivianischen Seite, die Kinder von Gerhard helfen mir eine SIM Karte zu besorgen, Ausländer ohne fixen Aufenthalt in Brasilien können keine SIM Karte erwerben – es dauert dann noch einen ganzen Tag und viele Telefonate bis die Karte voll aktiviert ist – vielen Dank an die Familie Weisz!!!
Willi und Eva, die beiden mit dem MAN Truck, sind wieder unterwegs. Hatte die beiden in San Pedro getroffen, sie waren zwischenzeitlich sechs Monate in Österreich und wir waren in Wien in der „Vollpension“ auf Kaffee und Kuchen, Torten. Jetzt sind sie auf dem Weg nach Peru, unsere Wege kreuzen uns. Sie machen Halt in Bonito, das sind gerade 400 Kilometer – ich habe noch zwei Tage Zeit und besuche die beiden – wir verbringen eine nette Zeit zusammen. Pasta, Caipirinha, Cervesa … Unterwegs fallen mir unzählige Radarboxen auf!!! Um vier Uhr im Frachthafen, die Barca liegt schon am Ufer, es werden Unmengen von Viehsalz verladen, denke das sind 40 Tonnen. Kein Kran, jeder Sack einzeln an Bord getragen, 80 Kilogramm auf der Schulter im Laufschritt! Zwei Stunden später: Die Säcke sind verladen, viele andere Güter kommen auf die Schubschiffe. Die ersten Passagiere treffen ein, auch der Mann mit dem wir telefoniert haben. Ich bekomme eine Hängematte, Essen und Wasser gibt es auf dem Schiff. Einige Rinder werden verladen, Pferde, ein Toyota Hilux und letztendlich wird mein Motorrad verladen. Sie meinen wir sollen es auf des Schiff händisch schieben, über den schmalen Pfosten ist es zu gefährlich, und so sei nur das Bike kaputt! Sie schieben die BMW zu viert ohne Probleme über das Brett auf die Barca. Nach etlichen Manövern, die Schiffe in richtiger Position zusammengehängt, geht es um 23:00 los.

Ich hänge mich neben vielen anderen in die Matte, wie Sardinen. Neben mir ein junger Mann, auffällig gekleidet, die Fingernägel sind weiß lackiert, rosa Koffer, rosa Beautycase … Schlafe recht gut in der Hängematte. Die Barca fährt mit 6 kmh den Rio Paraguay hinauf, wir brauchen drei Tage bis Porto Jofre, viele junge Familien, fast gleich viele Kinder wie Erwachsene. Unterwegs steigen Leute zu oder aus. Ich sehe sie mit ihren Taschenlampen und Gepäck im Wald verschwinden. Auch Sanitäranlagen mit Dusche gibt’s an Bord, jedes Mal eine Herausforderung. Die Ladegüter werden an verschiedenen Stellen ausgeladen. Frühstück, Mittagessen, Abendessen werden in der Kombüse vom Schiffskoch zubereitet – Huhn, Rind, Schwein, Reis, Spagetti, Salat, Gemüse, … übereinander, immer das gleiche Menü …  Wir erreichen nach drei Tagen Porto Jofre und ich verabschiede mich herzlich von der Crew – langsam „wax ma zam“! Oder Stockholm Syndrom?

1 Kommentar zu “Krokodile, Vögel, besondere Menschen

  1. hallo Herr Marschall.

    Habe kurz in ihre Reisen geschmöckert wie versprochen.Sehr interessant.

    l.g. vom Fgarro Martina

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