Wo die Jaguare lauern

Die Route: Oktober 2017

Die 400 Kilometer mit dem Schiff waren eine neue Erfahrung – Entschleunigung! Ich muss trotzdem zugeben, dass die andere Variante mit dem Bike die 1.200 Kilometer durch Farmen, elendslangen Geraden, unheimlich viele LKWs, LKWs in Überdimensionen – 9 Achsen, 30 Meter lang, abwegig schnell, … auch eine Herausforderung für Geduld sind.
Der Hafen in Porto Jofre liegt unmittelbar hinter dem Flughafen der Stadt, tatsächlich landet ein Kleinflugzeug während wir an Land gehen. Über die Böschung hoch, Landebahnende, nach 100 Metern quere ich die Landebahn – rechts/links schauen und durch. Direkt an der Landebahn liegt das Hotel Pantanal. Der Rezeptionist ist nicht besonders freundlich, er öffnet nicht einmal das Tor ins Hotel, mein Motorrad soll ich zur Seite stellen, es könnte jemand durchfahren wollen!? Er macht das Tor auf und wir gehen in die Rezeption. Ich frage ob Zimmer frei sind, er meint zuerst wolle er mir sagen was es kostet!? Ich überlege, ob ich wirklich einen so heruntergekommenen Eindruck mache!? Den relativ hohen Preis aus dem Internet weiß ich aus dem Internet, bin also nicht überrascht: „Ich möchte zwei Nächte, bitte!“ Jetzt ist er überrascht. Ich möchte auch Touren buchen. Obwohl er gutes englisch spricht reden wir aneinander vorbei … letztendlich stellt sich heraus, dass es nur Touren mit Motorbooten gibt – „Draußen ist es viel zu gefährlich!!!“ Daher ist auch das Tor ständig geschlossen?! Die Boote sind für fünf Personen, ich buche eines für mich allein – jetzt ist er restlos von den Socken und ich steige in seiner Hierarchie zur Höchstmarke auf. Im Ernst: Fünf Tage auf die Barca warten, drei Tage neben einem Lustboy mit 6 kmh durch den Regenwald, was sonst. Es ist Mittag und wir beschließen gleich mit der ersten Ausfahrt zu beginnen. Sergio der junge Fahrer ist wahrscheinlich einer der schnellsten in der Gilde der Bootsfahrer des Hauses, dafür spricht er kein Wort einer Fremdsprache – auch gut, schließlich wollen wir uns nicht mit Kleinigkeiten verlieren, sondern „Stick to the point“ – Jaguare oder Oncas wie sie portugiesisch heißen. In einem Höllentempo flussaufwärts, der junge Mann weiß wo es lang geht! Nach einer Stunde zweigen wir in einen Seitenarm ab, wir fahren auf ein anderes Boot zu, Sience fiction! Ein riesiger Arm mit einer überdimensionalen Kamera auf einem kleinen Boot, und: Ein Jaguar!

Die erste Fahrt und wir haben ein Riesending vor uns. Der Jaguar streift offensichtlich durch sein Revier und: Zu meiner Überraschung geht er ins Wasser und schwimmt auf die andere Seite. Wir verfolgen ihn über mehrere Kilometer, mehrmals quert er den Fluss, kommt uns bis auf 3 bis 5 Meter nahe. Wir sind noch immer mit dem anderen Boot allein, plötzlich Lärm, viele Boote kommen zu der Stelle. Offensichtlich informieren sich die Fahrer untereinander wenn sie einen Jaguar ausmachen. Dem Jaguar wird das zu viel, er verdrückt sich ins Unterholz. Ich rede mit den zwei auf dem Boot mit der riesigen Kamera, sie sind von National Geography und drehen hier einen Sechs-Minuten-Beitrag über Jaguare, seit vier Monaten! Der Beitrag soll in eineinhalb Jahren gesendet werden. Sie waren schon viel unterwegs, Afrika, Russland, in Sibirien Tiger filmen, was nicht gut gelungen ist.
Das Hotel ist als Lodge aufgebaut, bewohne einen eigenen Bungalow, für vier, allein … Beim Abendessen kommen die anderen Gäste, durchwegs Ausländer, grauhaarig, sehr seriös, honorig, gut betucht, … da passe ich ja gut dazu. In der Nacht schüttet es, damit meine ich wirklichen Regen! Es regnet die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag, im Internet schreibt der Wetterbericht von „sintflutartigen Regenfällen“ – kann ich voll bestätigen. In der Nacht hört der Regen auf, eigentlich wollte ich schon in der Früh weiter, jetzt ist das Wetter zwar nicht perfekt, aber es regnet zumindest nicht – nächste Ausfahrt.

Wir sehen noch kurz einen zweiten Jaguar, es sind aber ziemlich viele Boote die hier warten. Gegen Mittag machen wir Schluss. Ich muss sagen, dass die erste Ausfahrt ein Goldgriff war: Sonnenschein, einen Jaguar auf Tuchfühlung, über mehrere Kilometer, im Wasser, aus der Nähe. Hatte ich mir gar nicht erwartet. Zufrieden mache ich mich auf den Weg – über die Transpantaneira nach Cuiaba. Im Internet gibt´s dazu ganz schlimme Videos, knietiefes Wasser, aufgeweichte Fahrbahnen, schreckliche Brücken. Wir hatten eineinhalb Tage schwere Regenfälle!? Die ersten Kilometer sind easy, feuchte Fahrbahn, aber kein Problem. Nach einigen Kilometern wird´s tiefer, Schritttempo und mit den Beinen mitlaufen. Ein Allradauto kommt mir entgegen, wild schlingernd, auch er hat kaum Halt auf der tiefen rutschigen Fahrbahn: Noch fünf, nein zehn Kilometer, dann wird´s besser! So viel verstehe ich portugiesisch, na dann … Wie versprochen bleibt es ungewöhnlich schlecht, Weiterkommen ist echt beschwerlich, aber auch die zehn Kilometer sind nicht so schlecht geschätzt, nach 15 Kilometer kommt eine Abzweigung und die Fahrbahn wird zu einer normalen Naturstraße. Komme rasch bis Pacene, dann Asphalt bis Cuiaba, weiter nach Rondonopolis. Nettes Hotel, Zii – Hotel, man spricht englisch. Die Straße und die Landschaft ist mittlerweile vollkommen anders – Schnurgerade Straße, nach einer Farm kommt die nächste, nach einem Maisfeld das nächste Sojafeld, Rinderfarm, … alles riesig und: riesige LKWs. So spule ich hunderte von Kilometern bis Campo Grande herunter. Im Hotel Metropolitana treffe ich Gerhard mit seinem Söhnen Leopoldo und Eduardo. Gemeinsames Abendessen – Sushi, eat as much as you can. Die BMW macht Probleme, läuft nur 175kmh, bei 80 Prozent Gas geht alles ok, danach fällt die Leistung ab. Nächster Tag bei BMW in Campo Grande. Sie finden nicht wirklich etwas außer eine schwergängige Klappe im Auspuff – das hatten wir schon … Das Topcase hat an der Unterseite etliche Risse, denke die vielen harten Stöße zeigen ihre Auswirkungen. Kaufe Blech und Schrauben, in einer Schlosserei treffe ich auf motorradbegeisterte Arbeiter, einige Löcher verbohrt, verschraubt, sollte halbwegs passen. Sie verlangen nichts für die Arbeit – einige Real für Cervesa müssen es aber schon sein. Ich war zwar schon in Bonito auf Kurzbesuch bei Willi und Eva, möchte aber die Sehenswürdigkeiten ansehen, derer gibt es unzählige im Internet. Bekannte haben mir viel über Bonito erzählt – bleibe drei Tage: Grotta Azul, Rio Sucuri mit dem Schnorchel und Neoprenanzug, … wirklich beeindruckend, aber: Zu viele Touristen. Während ich in einer netten Cafeteria echt guten Kaffee und Süßigkeiten genieße, bestaunen vier Männer die BMW, gehen rundherum, Fotos, … die Verkäuferin des Shops redet sie an und deutet zu mit rüber: Hi!!! So treffe ich Jose, Eduino, Andre und Moacir. Wir machen einige gemeinsame Fahrten, sie helfen mir auch bei BMW, das Problem ist noch immer da. Mit unzähligen Anrufen schaffen sie es, dass ich bei BMW in Campo Grande wie ein VIP behandelt werde: Schon beim Zufahren steht der Serviceleiter bereit, direkt in die Werkstätte, Kaffee, Wasser, alles da, so viel ich möchte. Lazaro und sein Kollege machen sich sofort an die Arbeit, zerlegen das Bike, Tank, Benzinpumpe, Luftregler, … Diagnosegerät. Sie arbeiten wirklich gut und sorgfältig. Am Abend ist die GS fertig, das Bike geht dann auch besser, aber: Noch immer nicht vollkommen perfekt. Mache mich auf den Weg nach Foz de Iguazu, die Landschaft bleibt unverändert, Farm, Maisfeld, Sojafeld, Rinder, Gerade, … Nach zwei Tagen erreiche ich Foz de Iguazu.

Mit dem Bike kann man bis zur Einfahrt des Parks, dann zehn Kilometer mit dem Bus. Unendlich lange Menschenschlangen beim Buseinstieg. Mit dem Boot zu den Wasserfällen, nicht die nasse Fahrt. Im Endeffekt stellt sich heraus, dass die nasse Fahrt rund 30 Meter weiter geht bis in die Wassergischt des herabstürzenden Wassers – gute Entscheidung, muss ich nicht haben von, kein Mehrwert. Am oberen Ende zur Garganta Diablo, schon beeindruckend, aber vier Stunden reichen völlig. Am Nachmittag zum Wasserkraftwerk Itaipu, das größte Kraftwerk der Welt, das 3 Schluchtenkraftwerk in China ist noch größer, von der Leistung wird aber hier am meisten produziert. Mir war schon bewusst, dass Foz de Iguazu eine Touristenattraktion ist, für mich einfach zu viel, aber: Man muss einfach hin.
Als nächstes Ziel habe ich mir Treze Tilias vorgenommen, ein Tiroler Dorf mitten in den Bergen von Brasilien. 1933 sind 800 Österreicher, Tiroler, Vorarlberger, Oberösterreicher, Niederösterreicher hierher ausgewandert.

Der Ort heißt Dreizehnlinden und sieht aus wie in einem Tiroler Ort. Ich habe schon seit einigen Tagen versucht ein Hotel zu finden, alles ausgebucht. Als ich in den Ort hineinfahre merke ich gleich warum das so ist: Tiroler Fest! Alle Leute mit Tracht unterwegs, Lederhose, Dirndl, Steirerhut, … Ich bleibe bei einer kleinen Gruppe stehen, einer kommt auf mich zu, fragt auf portugiesisch, ich antworte auf deutsch, er dann auch im besten vorarlbergerisch. Er erzählt, dass dieses Wochenende das Tiroler Fest zum 84 Jahrestag der Auswanderung ist und ich doch bleiben soll. Das möchte ich gerne, brauche aber ein Zimmer. Er meint das wird schwierig, es ist wahrscheinlich alles ausgebucht, aber seine Mutter hat noch einen Bungalow frei, da könnte ich wohnen, gleich um´s Eck. So ist es dann auch und ich lerne Erwin Felder, seine Familie und sein Mutter kennen. Ich fahre schon etwas vor, während ich warte kommt mir eine Trachtenkapelle entgegen, die bleiben stehen, sehen das Kennzeichen und meinen: Dos is oa Gänserndorfa! Die Mitglieder sind die Bürgermeisterkapelle aus Tirol. Ich treffe sie dann wieder auf dem Fest, sie spielen als österreichische Abordnung. Wir unterhalten uns über die unterschiedlichen Gründe unserer Reisen – sie spielen über den Kontakt des Ex-Bezirkshauptmannes von Schwaz, Dr. Klaus Mark für die Auswanderer, aber auch sonst in vielen Orten auf der ganzen Welt. Mit Manfred Heidegger rede ich etwas mehr, Herkunft, Beruf. Als er hört, dass ich bei Schindler gearbeitet habe, fragt er, ob ich den Spezialisten für Aufzüge in Österreich kenne – Anton Marschall ??? Ich schaue in etwas verwundert an, er hakt nach: Wenn ich bei Schindler gearbeitet habe, muss ich wissen wer das ist, den kennt jeder in Österreich. Etwas verlegen meine ich: Ich bin Anton Marschall. Jetzt ist er perplex!!! Er hatte vor vielen Jahren ein Problem mit dem Aufzug auf der Berg Isel – Schanze, damals hat mich die Firma aufgesucht und wir haben die Lösungen ausgearbeitet – ich war nur sehr verwundert, dass er sich meinen Namen über all die Jahre gemerkt hatte. Er holt noch seinen Kollegen dazu, auch der arbeitete für Schindler in Tirol, kennt Christian sehr gut. Kleine Welt!
Das Fest ist eine unglaubliche Attraktion, der gesamt Ort ist auf den Beinen, Junge, Alte sind direkte Beteiligte. Am Straßenumzug nehmen alle teil, als Zuseher, als Akteure. Viele Leute sprechen mich an, viele in bestem deutsch, ich erkenne die unterschiedlichen Bundesländer, treffe Ziehrs aus Oberösterreich, uvm. Hans aus Deutschlandsberg ist auch mit dem Motorrad hier, er wohnt bei Clothilde. Ihre Eltern sind ebenfalls nach Brasilien ausgewandert. Sie hat aber viele Verwandte in Tirol, Zillertal, Mayrhofen, … Lois, ein Freund der Familie, hat eine Brasilianerin geheiratet, sie muss so wie alle anderen „Deutschen“ im Trachtenverein mitmachen, singt im Chor. Rudolf, der Mann von Clothilde, ist ein sehr netter Gastgeber, Hans und ich sitzen bei den beiden einige Stunden, sie bieten uns Getränke an. Hans erzählt beim gemeinsamen Abendessen über seine Reisen, dass er mit einem Truck bereits vor vielen Jahren um die Welt gereist ist, auch hier in Brasilien, jetzt mit der BMW.
Von Andre – einem der vier Biker aus Brasilien, die ich in Bonito getroffen habe – kommt nach die Nachricht, dass Moacir mit dem Motorrad in der Hotelgarage umgefallen ist und sich den Oberschenkelhals gebrochen hat – das sind die schlechten Nachrichten.
Zurück beim Tirolerfest komme ich ins Gespräch mit dem Moderator des Festes, er erzählt mir, dass er der Leiter des örtlichen Radiosenders ist und ich soll ihn doch morgen besuchen. Damit bleibe ich einen Tag länger. Beim Frühstück treffe ich wieder Hans, er zeigt mir den Weg zum Radiosender Tropical FM. Dachte nicht, dass so viele Leute da arbeiten, treffe Gabriele wieder, die meint wir machen ein Live Interview! Fünf Minuten später live, meine Reisegeschichte, was mich nach Treze Tilias führt uvm. Noch während des Interviews ein Anruf, ich solle doch zur Chocoladeria Sabor des Alpes kommen, die würden sich freuen. Das mache ich dann auch noch gerne.

Kommentare (2)

  1. Lieber Toni,
    ich bin heute noch total „geflasht“ von unserem Treffen in Dreizehnlinden und freue mich, dass es Dir gut geht!
    Die Geschichte mit dem „Anton Marshall vom TÜV“ war haargenau so, wie Du sie schilderst. Ich war damals Leiter der Seibahnabteilung bei SIEMENS und wir haben tausende komplexe Seilbahnen gebaut. Der kleine Aufzug auf den Bergisel sieht zwar auch aus wie eine Seilbahn, ist technisch gesehen jedoch ein Aufzug. Das war damals der erste Aufzug und für uns eine kleine Herausforderung. Auf der Suche nach Unterstützung gab es von allen Seiten nur die Auskunft: „da müsst Ihr zum Marschall nach Wien, der kennt sich aus!“ So war es auch: Du hast Dich nicht nur ausgekannt, sondern warst ein echter Partner!
    Als Du so verwundert geschaut hast, als ich den Namen Anton Marschall nannte, dachte ich zuerst, der war sicher nie bei Schindler, sonst müsste den Anton Marschall ja kennen, den kennt schließlich jeder? Die Auflösung der Geschichte hast Du ja beschrieben, ich habe mich sehr gefreut.
    Ich habe alle meine ehemaligen Kollegen bei SIEMENS angerufen und von unserem Treffen berichtet. Sei sicher, jeder konnte sich schlagartig an Dich erinnern. Du musst nicht verwundert sein, warum man sich an Deinen Namen und Deinen Ruf nach so langer Zeit erinnert: Du bist einfach technisch und menschlich ein außergewöhnlicher Mensch den man nicht vergisst.
    Einziger Fehler in Deinem Bericht: ich heiße Manfred Heidegger (nicht Hettegger).
    Ich wünsche Dir alles Gute und freue mich auf neue Berichte auf Deiner Seite.
    Liebe Grüße aus Tirol, Manfred J. Heidegger

    • Anton Marschall

      Lieber Manfred,
      Auch bei mir macht die Geschichte die Runde – Geschichten die das schreibt!
      Für mich das Wertvollste an meiner Reise.
      Hoffe wir sehen uns auch in Österreich, Trins muss ich schließlich noch kennen lernen.
      Herzliche Grüße, Toni
      PS: Sorry für den Fehler …

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